Leseprobe
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Kapitel 13
„Natürlich hole ich euch ab, ich bin gleich bei euch.“ Martina diskutiert nicht lange, legt auf und setzt sich unverzüglich in ihr Auto, um die beiden Gestrandeten abzuholen.
„Oh, Scheiße, wie siehst denn du aus!“ Martina sieht ihre Freundin zum ersten Mal so entstellt. Sie kann es nicht fassen: „Oh nee, echt jetzt?“ Inzwischen kullern Svetlana wieder Tränen über die Wangen, gleichzeitig drückt sie ihren Jungen noch enger an sich.
„Ach, ihr tut mir so leid!“ Martina ist fassungslos und kann es noch immer nicht glauben, was sie sieht. Nachdem sie sich dann gefangen hat, versucht sie etwas psychische Unterstützung zu geben, indem sie einen anderen Ton anschlägt: „Hey, jetzt kommt ihr erst mal zu mir und dann sehen wir weiter.“ Martina fährt mit den beiden in ihrem kleinen Auto zu ihr nach Hause.
Svetlana bedankt sich schon mal für Martinas Einsatz: „Du, das ist sehr lieb von dir, dass du uns abholst, aber wir möchten dir nicht lange zur Last fallen …“
„Blödsinn, ihr fallt mir nicht zur Last!“ Martina fällt Svetlana ins Wort. Die aber lässt sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen: „Wir möchten so schnell wie möglich nach Litauen zurück.“
„Ihr könnt nicht ohne Gepäck fahren.“ Martina sieht sich als Planungshilfe. „Ihr solltet aber nochmal in die Wohnung zurück, um eure Sachen zu holen, da ist sicherlich noch vieles dort.“ Sie legt eine kurze Denkpause ein. „Jetzt seid ihr aber zuerst mal meine Gäste, und morgen sehen wir weiter.“
Nach der Ankunft in Martinas Wohnung will diese auch ein guter Gastgeber sein: „Ich mache euch jetzt zuerst mal was zu trinken. Svetlana, Kaffee?“
Sie antwortet: „Okay.“
„Andrej, Kaba?“
„Warme Schokomilch?“, erklärt Svetlana ihrem Jungen. „Nee.“ Von zuhause hat er ein Spielzeugauto mitgenommen. Mit diesem beschäftigt er sich gerade und fährt auf dem Fußboden fiktive Straßen ab. Zu Martina gewandt erklärt Svetlana: „Lass ihn, er braucht jetzt zuerst etwas Abstand. Er soll wieder zu sich selbst finden. Darf ich mal in dein Bad?“ „Natürlich, da drüben, zweite Türe links rein.“ Martina zeigt ihrer Freundin den Weg zum Badezimmer.
Kurz darauf bringt sie ihr eine Tasse mit heißem Kaffee zur Badezimmertüre und klopft. „Eine Tasse Kaffee bitte, darf ich’s hier abstellen?“
Als Martina ins Badezimmer eintritt, sitzt Svetlana heulend auf der Toilettenschüssel. Der ganze Frust über die Enttäuschung vom Leben übermannt sie. Martina stellt die Tasse Kaffee auf die Ablage des Waschbeckens und nimmt Svetlana mitleidvoll in die Arme. Das inzwischen in den Farben grün, blau und braun leuchtende, schmerzverzerrte und mit Tränen und Blut verschmierte Gesicht lässt das Schlimmste vermuten, was diese Frau noch vor etwa einer Stunde durchgestanden haben muss. In dieser Situation möchte Martina den notwendigen Trost und ihre Hilfe anbieten.
Andrej hat sich inzwischen vor den Fernseher gesetzt, den Martina angeschaltet hat, um dem Kind Ablenkung anzubieten. Er starrt zwar auf das Fernsehbild, sieht aber mit seinem geistigen Auge seinen Vater, wie er am Eingang zum Badezimmer auf seine Mutter einprügelt und sie anbrüllt. Es sind genau die Bilder, die er sah, als er zuhause aus dem Türspalt seines Zimmers auf den Flur gespäht hatte. Das Kind kann die erfahrene Angst nicht so schnell abbauen und sich deshalb nicht richtig auf sein reales Umfeld konzentrieren. Andrej wirkt leicht abwesend und kann über die dummen Sprüche in der Zeichentricksendung, die gerade läuft, auch nicht lachen.
Den Abend verbringen die drei vorm Fernsehen. Während Andrej an der Seite seiner Mutter einschläft, sind die beiden Frauen mit ihren Gedanken immer wieder bei den Erlebnissen dieses Tages. Sowohl die Quizsendungen und Talkshows als auch die Nachrichten und Reportagen werden nur stückchenweise, jedenfalls nicht wirklich wahrgenommen.
„Morgen rufe ich beim Sozialamt an“, widerfährt es Svetlana plötzlich.
„Was willst du denn da erreichen?“ Martina versteht ihre Freundin nicht. „Das ist ein Fall für die Polizei. Sieh’ dich doch mal an! Das sieht man doch, was da passiert ist.“
„Der bringt mich um, wenn ich das mache.“
„Der hat dich doch schon fast umgebracht. Jetzt bist du dran, Kleines. Geh zur Polizei und zeige dieses Schwein an, das dich so zugerichtet hat. Weißt du was, ich gehe mit und helfe dir!“
„Ich weiß nicht. Meinst du?“
„Ja, jetzt ruhst du zuerst mal, vielleicht kannst du auch schlafen und morgen machen wir das miteinander. Ich bin auf deiner Seite.“
„Das ist lieb von dir. Übrigens: Danke dafür, dass wir hier sein dürfen.“
Martina erhebt sich aus ihrer Lümmel-Position auf der Couch: „Nicht der Rede wert, das gehört sich so.“ Sie holt noch einmal tief Luft und erklärt: „So, ich gehe jetzt schlafen, die Couch gehört jetzt euch. Wir sehen uns dann morgen.“
„Nochmals danke und gute Nacht, Martina.“ Svetlana flüstert nur noch, um den Kleinen nicht aufzuwecken.
„Gute Nacht, ihr zwei.“ Martina verlässt das Wohnzimmer und lässt die beiden Flüchtlinge zurück auf der Couch vorm noch laufenden Fernseher. Svetlana ist sehr erschöpft und zieht es vor, in der Position, die sie gerade innehat, weiter zu verharren, an ihrer Seite schläft Andrej. Vielleicht fallen ihr auch noch die Augen zu. Das Wohnzimmerlicht ist auf schwach hell gedimmt, vielleicht klappt es ja mit dem Schlaf. Über die Fernbedienung macht Svetlana das Fernsehen noch etwas leiser.
Ob sie vielleicht alternativ auch zu Vitalij hätte gehen können? Ihr Verstand sagt ja, ihr Pflichtgefühl der eigenen Familie gegenüber sagt nein. Vitalij ist eine eher flüchtige Bekanntschaft vom Spielplatz, auf dem die Kinder herumtollen. Und man war sich sofort sympathisch. Er macht einen sehr gebildeten Eindruck und wenn er mit dem eigenen Kind zum Spielplatz geht, ist er offenbar auch ein Familienmensch. Vor allem aber ist er alleinstehend. Und das macht ihn im Rahmen der derzeitigen Situation für Svetlana interessant.
Aber ihr würde man wegen der Trennung die Schuld zuschieben, wenn sie sich zuvor offen mit Vitalij zeigt. Trennung. Jetzt also doch. Also trifft auch sie dieses Thema im gleichen Maße, wie es so viele andere Ehen und Partnerschaften auch trifft: Sie wird Piotr verlassen, jetzt, sofort, endgültig und ohne Einlenken.
In solchen Fällen wäre natürlich alles viel einfacher, wenn kein Kind da wäre. Aber Andrej ist da und er braucht doch eine Familie. Sicherlich, aber nicht so einen Vater! Andrej selbst musste unter seinem Vater zwar noch nicht unmittelbar leiden. Ja, auch er wurde schon angebrüllt, aber noch nicht geschlagen; sein Vater hat sich tatsächlich noch nicht an ihm vergriffen. Den eigentlichen Streit gab es bislang nur zwischen den Erwachsenen.
Bei einer Trennung würde das Kind wohl mit der Mutter gehen, aber der Vater würde das Kind auch haben wollen. Wenn der Vater allerdings vom Verbleib seines Kindes keine Ahnung hat, kann der wollen, was er will, er wird keine Möglichkeit haben, an das Kind heranzukommen. Das würde wohl dann der Fall sein, wenn sich das Kind nicht im Inland aufhält. Die besten Kontakte ins Ausland hat Svetlana in ihre Heimat nach Litauen.
Ja, Litauen, dort hat sie sich selbst als Kind damals wohl gefühlt. Andrej würde sich dort sicherlich auch wohl fühlen … Mit diesen Gedanken schläft nun auch Svetlana ein.
Svetlana ist nun seit über zwei Wochen nicht mehr nach Hause gekommen. Und sie arbeitet auch nicht mehr in dem Laden, in dem sie bislang tätig war. Piotr indes sitzt abends und am Wochenende alleine zuhause, wenn er sich nicht gerade mit seinen Kameraden trifft. Und die Geschirr- und Wäscheberge wachsen und werden größer und höher.
Hat sie ihn jetzt also doch verlassen? Sie ihn? Piotr wird glühend heiß vor Wut, wenn er nur daran denkt. „Der werde ich’s zeigen, so geht man mit mir nicht um. Ohne etwas zu sagen, einfach wegzulaufen. Das wird sie büßen!“ und „Die werde ich leiden lassen, so wie sie mich leiden lässt. Und zwar ein Leben lang werde ich sie leiden lassen.“ Mit diesen Vorsätzen lässt er den Gedanken in seiner Wut freien Lauf. Wie kommt sie bloß dazu, ihn zu verlassen? ER hat doch das richtige Geld verdient! Und das ist doch SEINE Wohnung, für die ER die Miete zahlt. Und ER hat doch das Meiste in die Einrichtung investiert, in der SIE nur gelebt hatte. Bisher.
Aber jetzt braucht diese „Hure“ nicht mehr auftauchen. Im Gegenteil: Piotr wird sie finden. Er findet sie alle, sie und das Kind! Und ihre Schwester. Und die Freundinnen. „Und alle bringe ich um. Gerade dieses Miststück soll leiden, wie ich jetzt leiden muss.“
Piotr steht auf, geht zum Kleiderschrank, öffnet ihn und überzeugt sich erneut davon, dass Svetlana alle ihre Kleidungsstücke, von der Unterwäsche bis zum Wintermantel, also restlos alles, was ihr gehört, inklusive Schuhe und Taschen, mitgenommen hat. Nichts, aber auch gar nichts, hat sie davon zurückgelassen.
„Das hat dieses Miststück geplant“, geht Piotr durch den Kopf. „So etwas macht man nicht nur so mal schnell.“ „Aber der werde ich’s schon noch zeigen.“ Und: „Die hatte Helfer und Helfershelfer – und alle werden bezahlen müssen!“ Seine Gedanken kreisen ab jetzt nur noch um dieses Thema. Er malt sich in Gedanken Bilder aus, wie er Svetlana, ihrer Familie und ihren Freunden Schaden zufügen kann.
Dann fällt Piotrs Blick auf die Ecke im Schlafzimmer, in der nun die ganzen Klamotten liegen, die Svetlana für ihn eigentlich immer gewaschen hatte. Er selbst hat keine Ahnung, wie man die Waschmaschine bedient, die im Bad steht. Wie auch, für ihn ist das immer schon Frauenarbeit gewesen, also nichts für Männer. Piotr nimmt sein Handy und ruft seine Stiefschwester an.
„Kannst du meine Wäsche waschen?“, will er ohne Gruß von ihr wissen.
„Was ist los, Piotr, bist du schon wieder Single?“
„Nerve mich jetzt nicht! Machst du das oder nicht?“ Piotr ist ungeduldig.
„Hast du es schon mal damit probiert, die Wäsche nach Stoff und Farbe zu sortieren und dann einfach in die Trommel der Maschine zu stecken, in den Einfüllbehälter eine Kappe Waschmittel zu geben und dann anzuschalten?“
„Kommst du jetzt oder soll ich dir die Wäsche bringen?“ Piotr will nicht lange diskutieren.
„Meinetwegen, in einer Stunde bin ich bei dir.“ Vesna, Piotrs Stiefschwester, legt auf. Die beiden haben denselben Vater, aber verschiedene Mütter. Vesna ist etwas jünger als Piotr und derzeit Single, ansonsten gibt sie sich gerne mit wechselnden Partnerschaften ab. Sie wohnt rund dreißig Kilometer entfernt von Piotr. Vesna ist der einzige Rettungsanker, den Piotr hat, wenn sein Leben aus dem Ruder läuft, etwa so wie jetzt.
Als es an der Türe klingelt, öffnet Piotr mit todernstem Gesicht.
„Was ist los, wo ist Svetlana?“, will Vesna zuallererst wissen.
„Fort.“ Piotr antwortet kurz und leise. Er führt Vesna zu seiner Dreckwäsche.
„Oh Mann, wie lange schon?“, will sie wissen, als sie den Wäscheberg sieht.
„Über zwei Wochen“, murmelt Piotr kleinlaut.
„Was?“ Vesna ist entsetzt. „Und da kommst du jetzt erst zu mir?“ Vesna schüttelt den Kopf. „Du hättest auch früher mal etwas sagen können!“ Dann legt sie nach. „Weißt du, wie lange ich mit diesem Berg Wäsche hier beschäftigt bin? Mann, die stinkt ja schrecklich!“
„Jetzt fang schon an! Ich bezahle dich auch!“
Vesna beginnt, die Wäsche zu sortieren, und macht unterschiedliche Kleiderhaufen auf dem Fußboden in Schlafzimmer und Flur.
„Also, was ist passiert, wo ist Slana und warum ist sie weg?“ Vesna will alles wissen.
„Dieses Dreckstück ist in letzter Zeit immer wieder mal für eine oder zwei Nächte weg gewesen. Dann war sie wieder da, und alles war wieder gut, bis sie wieder irgendwo anders eine Nacht verbracht hat.“
„Und warum hat sie das gemacht, weißt du denn, wo sie dann immer ist?“
„Ja, bei ihrer Schwester oder einer Freundin oder bei einem anderen Typ.“
„Und das Kind?“
„Andrej ist immer bei ihr.“
„Und jetzt, wo ist sie jetzt?“
„Weiß ich nicht!“ Piotr wird laut. „Ist mir auch scheißegal! Die braucht gar nicht mehr wiederkommen.“ Nach einer kurzen Denkpause setzt er nach. „Ich werde sie finden, und dann werde ich sie leiden lassen für das, was sie mir jetzt antut.“
„Jaja, das hast du bei deiner vorigen auch gesagt.“
„Ja, aber jetzt werde ich’s durchziehen, das schwöre ich dir!“
In der Zwischenzeit ist der Wäscheberg in mehrere Haufen eingeteilt. Vesna versucht, ihrem Bruder zu erklären, wie das nun mit der Wäsche weitergeht. Der aber will nichts damit zu tun haben.
„Ich bezahle dich dafür, aber lass mich mit dieser Scheiße in Ruhe, ich will nichts davon wissen.“ Damit ist für Piotr dieses Thema beendet und Vesna hat einige Waschgänge vor sich.
Während die Maschine läuft, räumt Vesna auch noch die Wohnung auf, macht sauber, putzt und bringt den Müll weg. Dann drückt Piotr ihr fünfzig Euro in die Hand und bedankt sich doch tatsächlich.
Für Vesna ist das Problem damit aber noch nicht gelöst: „… Und was glaubst du, wie’s nun weitergeht?“ Diese Frage steht im Raum, denn Piotr kann darauf keine Antwort geben. Er weicht stattdessen aus und stellt fest: „Ich werde mich an ihr rächen!“
Kapitel 15
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